Gespenster

Die Literatur begleitet mich schon länger als die Fotografie. Ein Buch kann eine Hand sein, die sich einem entgegenstreckt. Gedichte zu schreiben ist für mich wie eine kurze und sehr intensive Reise. Meine Freunde haben mich ermutigt, sie hier zu zeigen. Es folgen sicher mehr. Einer nannte sie "gespenstisch schön", was mich sehr gefreut hat! Spuk und Romantik lässt sich so schön verbinden!

Die Spur

Die Spur

 

Schau zurück.

Siehst du sie?

Die Spur, die du hinterlässt?

 

Erst springst du hoch und weit. 

Woher ich das weiß?

Die Spur, die sagt es mir.

 

Dein Schritt wird schwer. 

Wie ich das wissen kann, fragst du.

Die Spur, die sagt es mir.

 

Gebunden scheinen deine Fesseln.

Die Spur gibt den Verdacht schon her!

 

Doch siehe da. 

Die nächste Spur zeigt Ketten schleifen 

neben dem argen Gang. 

So sehen sie aus. 

Die Spuren, die du hinterlässt.

 

Bald folgt dir 

auch der Kerkermeister.

Der schließt die Tore alle zu, 

die du gefesselt und geknebelt 

gerade so durch wankst.

 

Da droben schon. 

Da auf dem Berg, 

den du noch zu erklimmen hast. 

Da wartet er. 

Der Henker mit dem Beil. 

Seinen Auftrag zu vollstrecken.

 

Schau zurück.

Siehst du sie? 

Die Spur, die du hinterlässt?

 

Wach auf - Schlafwandler.

Wach auf. Lass dich nicht umfassen 

von seinem kalten Blick.

Streck deine Hände 

doch nach dem Warner aus! 

Umfass es fest, dein heißes Herz. 

Lass nicht die Kälte in es dringen.

 

Finde den Weg und folge dem Riesen. 

Da liegt er -

noch still im Winterkleid. 

Doch alles in ihm wartet ohne Hast und Hetze. 

Er sucht nicht nach vergilbten Blättern. 

Er ruht und weiß, der Wind holt sie und er wird neu erwachen. 

Der grüne Flor. Er kommt bestimmt. 

Er blüht und rankt und bindet den Freunden den Lebenskranz.

 

Gib doch dem Warner deine Hand.

Lass dich umfassen und wie der Baum die Blätter, so lass auch du die Schmäher gehen.

Du bist schon groß - 

So groß wie unser Riese, der schmiegt die Äste im Wind und atmet den kühlen Tau -

Und der kühle Grund, auf dem er wächst, ist für uns alle da.

 

Der Ruf

Der Ruf

 

Horch auf

das Knistern 

in der Nacht.

Es kommt von 

Deiner Tür.

 

Es kratzt und knirscht

und ganz zu Recht,

kommt dir 

das alles seltsam vor.

 

Du setzt dich auf 

und horchst ins Dunkel.

Du bist ganz Ohr

und fühlst dich wach.

 

Du folgst dem Scharren,

das sich versteckt 

nicht hinter Schrank noch hinter Flur.

Es ruft von draußen dich.

 

Der Ruf -

Er lockt dich fort 

bis in den dunklen Garten.

Das Gras umschließt die Füße 

und die Frösche schlafen.

 

Der Ruf -

Er scheint von weiter weg.

Das kleine Türchen da

führt dich vom Garten weg.

Nun ist es ihm gelungen.

Er führt dich fort

auf fremden Grund.

 

Der Ruf -

er führt dich raus 

aus Haus und Hof.

Ein trüber Nebel

kommt nun auf.

 

Der schale Nebel 

legt sich dicht

und wird zum leichten Netz.

Gesponnen wie von Spinnen

die sich immer mehr vernetzen.

 

Gib doch jetzt acht!

Und bleib mal stehen.

Denk doch mal nach

und folg nicht jedem Ruf.

Mitten in der finstren Nacht!

 

Doch du -

Dich wundert nichts -

bis du dir fasst in dein Gesicht.

Doch deine Arme sind so schwer.

Die Finger -

Die sind schon eingewickelt

wie in kaltes Pappmaché!

 

Vom Boden endlich

hebt dich dieses fremde Band -

Wie von vielen Geisterhänden

ersonnen und gestrickt.

 

Was will mir das denn alles sagen?

Die Faust versucht 

nun zornig sich zu ballen.

Zu spät, jetzt wird der Träumer wach.

Dein Mund steht offen.

Der Atem stockt.

Die Qual lässt noch nicht nach.

 

Die Qual - 

Ist doch der Schmerz tief drin.

Im Herzen tut es ihm so weh.

„Ach gib mich frei!“ 

So fleht er nun.

Wie arg es um ihn steht! 

Wir alle müssen es sehen!

Und doch -

Ein Zurück, 

das gibt es nicht.

 

Er wird nun schwach

und wünscht sich klein.

Er will ab nun ein

guter Nachbar sein.

 

Er will sich sorgen 

um die Blumen, Bäume, Sträucher.

Ja, er will das alles plötzlich selber sein.

Ja, er will sie achten

all die Dinge

die ihm schienen 

so nichtig und so klein.

 

Seine Freiheit

merkt er

hat er ganz verloren.

Verwegen wird sein Sinnen -

Er will ab nun

nicht nur fremde Früchte teilen.

 

Er ist bereit nun

auch Etwas von sich selbst zu geben.

Wunder soll es also geben -

Im Angesicht des fernen Glücks.

 

Still im Glück zu sitzen -

Ohne diese kalte Form.

Die ihn nun gegossen

in einen toten Kokon.

 

Das Schlimmste ist,

das weiß er jetzt,

sind nicht die alltäglichen Sorgen.

Das Schlimmste ist -

Dass er zum Ding geworden!

 

Zu irgendeinem Ding -

Wie einem alten Ring.

Mit dem mal spielt

bis man aus Überdruss

Ihn wirft in irgendeinen Fluss.

 

Regt sich dein Herz?

Du guter Mensch.

So sei gewiss.

Der Herr verfährt

genau nach dieser Art.

Denn nach dieser Lehre

erfüllt er dem Träumer seinen Wunsch,

nun endlich ganz und heil zu sein.

 

Der Träumer wird zum Fluss.

Zu seinem kleinsten Teil.

Glücklich ist das Element,

lebendig in der Vollkommenheit,

das sich Erde nennt.

 

Der Träumer wurde 

reich beschenkt -

Von einem, der liebt -

Und Leben schenkt.

 

Der Fluss,

der atmet ganz wie du.

Will leben frei und ganz und heil!

 

Drum lass das Knirschen in der Nacht!

Lass das sinnlose Rufen sein!

Und spinne auch kein Netz -

Sonst musst du leiden -

Wie der Träumer in der Nacht.

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Stephanie von Westernhagen